Die Entstehung der Hängematte

Die Entstehung der Hängematte „Mit geschlossenen Augen zwischen Himmel und Erde schweben, nirgends ankommen, aber trotzdem unterwegs sein“ Da liegt doch der Zauber der Hängematte, sie bewegt sich nicht fort und schickt uns dennoch auf die Reise.

Die Hängematte ist eine einzigartige Erfindung, die sich vor der „Entdeckung“ Amerikas durch die Europäer gemacht worden ist. Die Siedler begannen bald selbst, nach indianischem Vorbild Hängematten herzustellen. Es waren die Frauen der Landarbeiter, Sklaven und Kinder, die an den Webstühlen arbeiten. Hängematten wurden anfangs hauptsächlich zum Eigengebrauch gefertigt, vereinzelnd wurden sie zwischen den Nachbarn gegen andere Güter getauscht und später dann auf den Märkten der größeren Siedlungen angeboten. Immer weiter verbesserte und verfeinerte Ausführungen ließen ihren Wert als Handelsware steigen.

So entwickelten sich mit der Zeit und um die Orte Jaguarana, Boqueirao und Sorocaba bald Produktionszentren, in denen sich immer mehr Menschen ansiedelten, die in ihren Häusern mit der Fertigung von Hängematten beschäftigt waren. Das Weben, Knüpfen (Flechten) und Häkeln wurde für viele Familien eine wichtige Einkommensgrundlage. Die Herstellung einer Hängematte besteht aus zahlreichen Arbeitsschritten, angefangen vom Spinnen, Weben und Häkeln oder Knüpfen, das Binden von Schlaufen, dem Einweben der Bänder und noch einiger weiterer Tätigkeiten mehr, je nach Modell und Region. Grundsätzlich können alle Abschnitte als Heimarbeit ausgeführt werden, sofern ein Webstuhl vorhanden ist.

Die steigende Nachfrage nach immer hochwertigeren Qualitäten wurde natürlich auch von comerciantes und intermediários (Händlern) bemerkt, die in der Hängematte ein interessantes Handelsgut erkannten. Dabei kam ihnen die Einführung von industriell gefestigtem Garn sehr gelegen und brachte eine grundlegende Veränderung im Ablauf der Produktion mit sich. Die Händler begannen die Weberinnen mit Garn zu beliefern und ließen sich diesen mit fertigen Hängematten bezahlen. Dank dieses Systems hatten sie sowohl das Geschäft des Garnhandels wie auch das des Hängemattenverkaufs in der Hand. Die Textilindustrie war allerdings im Süden Brasiliens angesiedelt. Die hauptsächlich im Norden beheimatete Hängemattenherstellung blieb von der Entwicklung beinahe unberührt und profitierte erst viel später davon, als die im Süden eingesetzte erste Generation der Webapparate ausgedient hatte und von findigen Händlern in den Norden weiter verkauft wurde.

Bis Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren Hängematten aus Süd- und Mittelamerika in Europa nicht im großen Stil vermarktet worden. Sie kamen hauptsächlich als Souvenir in die Alte Welt. Importfirmen, die sich dem lateinamerikanischen Kunsthandwerk widmeten, begannen dann im Rahmen im Rahmen ihres Angebots auch Hängematten aus Mexico, El Salvador, Kolumbien und Brasilien in Europa zu vertreiben. Bis dahin wurden im europäischen Markt die Hängematten in den Sortimentbereichen Garten, Spiel und Freizeit angeboten. Ab Anfang der neunziger Jahre bemühen sich dann mehrere Firmen um die Vermarktung lateinamerikanischer Hängematten. Durch die Ausweitung des Angebots, die Entwicklung von Zubehör, sowie die Gestaltung von ansprechenden Verpackungen der Waren, konnte das Erscheinungsbild der Hängematte wesentlich verbessert werden.

Verkaufsdisplays und Warenträger, die speziell für das Sortiment von Hängematten kreiert und abgestimmt wurden, fanden Einzug in die Welt der Bau- und Supermärkte. Immer häufiger erscheinende Darstellungen in Versandkatalogen und Werbeangeboten ließen die Hängematte zu einem vertrauten Bild im breiten Warenangebot werden. Mit ausschlaggebend für diese Entwicklung war die häufige und zunehmende Präsentation auf internationalen Messen und Ausstellungen des Gartenmöbel- und Freizeitbereichs. So schaffte es die Hängematte in den verschiedensten Marktsegmenten Europas zu einem festen Bestandteil des Warenangebots zu werden.

Der brasilianische Hängemattenforscher Cascudo hat 1956 einen Arzt zur Beurteilung der Frage, ob das Liegen in der Hängematte gesund ist oder nicht, zu Rate gezogen. Es war ein gewisser Dr. A. da Silva Mello aus Rio de Janeiro, der sich darauf hin mit der Frage beschäftigte. In seinem Bericht behauptet er in Bezug auf das Klima, dass die Hängematte das ideale Bett für die tropischen und feuchten Gebiete sei. Speziell die Ausführungen mit offenen Maschen ermöglichten ein gutes Absorbieren der Körperwärme und die notwendige Belüftung der schwitzigen Haut. Seit langen werden Hängematten in der Therapie angewandt. Kinder mit Gleichgewichtsstörungen bzw. Störungen der Sensorischen Integration (SI) werden in Hängematten behandelt. Zur Therapie werden die Patienten, nach Angewöhnen an die Schaukelbewegung, auf dem Bauch liegend behandelt. Ebenfalls kann bei Frühgeborenen das vestibuläre System durch Schaukelbewegungen gefördert werden, bei denen das Kind in den Händen, in einem Tuch oder einem Schutzkittel gehalten wird.

Ein besonders wichtiges Argument für die Hängematte ist die beruhigende Wirkung, die von ihr ausgeht. Sei es sanft schaukelnd in ihr liegend, oder aber auch nur rein optisch, durch ihre bloße Anwesenheit. Gerade in der heutigen Zeit, in der die allgemeine und auch die medizinische Meinung immer mehr dahin geht, die Ursachen für gesundheitliche Störungen und Krankheiten in der geistigen Haltung und in der Psyche der Menschen zu suchen, ist es ungemein wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem der Mensch die Möglichkeit findet zu entspannen, loszulassen und Geborgenheit zu finden, das ihm Wärme und Zufriedenheit verleiht, wie einst Mutters Schoß.
In einer weiteren Betrachtungsweise wird behauptet, dass das leichte Schaukeln in einer Hängematte die Kommunikation der beiden Gehirnhälften unterstütze, sprich die Entstehung neuer Verbindungen zwischen diesen fördere, was ja letztlich beim Lernen und beim kreativen Denken geschieht.

Vielleicht würden sich die Menschen weniger Sorgen machen, wenn sie mehr Zeit in der Hängematte verbrächten…

Autor: Josef Köpf
Redaktion: Vanessa Schröder

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