Geschichte

Wenn jemand die Bedeutung des englischen Substantivs „handkerchief“ – was ins Deutsche übersetzt „Taschentuch“ heisst – nicht kennt, wird er niemals dahinter kommen, was ein „handkerchief“ ist. Es hat weder was mit „hand“ noch mit „chief“ zu tun – es ist ein höchst eigenständiges Wort, das sich auch nicht im raffiniertesten „Ausschlussverfahren“ ableiten lässt – man muss diese Vokabel einmal gelernt haben, um sie richtig zu verstehen und zu übersetzen.

Der heutige Umgang mit „Geschichte“ – „Historie“ – lässt sich ein wenig damit vergleichen.

Geschichtszahlen auswendig lernen – i gitt – wie schrecklich! Es geht doch um das Große und Ganze – nicht um Details! Oder stimmt das nicht? Ganze Schülergenerationen haben Geschichte „abgewählt“, weil das Büffeln von Geschichtsdetails ja so mühsam und unsinnig war! Ja, man anerkennt, dass es ganz nützlich sein kann, „aus der Geschichte zu lernen“, aber sich dafür mit Details zu quälen? Kulturpessimisten behaupten ja sogar, dass niemand wirklich je aus der Geschichte gelernt hat…. Der Blick in die Entwicklung von Völkern und Staaten in der ganzen Welt scheint das zu bestätigen, aber es ist in Wirklichkeit glücklicherweise nicht ganz so schlimm – ein wenig wird schon aus der Geschichte gelernt!

Ob der Ausbruch des Vesuv am 24. August 79 n. Chr. oder am 25. August jenes Jahres die Stadt Pompeji unter Schutt, Glut und Asche begraben hat, mag für den normal interessierten Bürger (und Schüler) weniger interessant sein, wenn auch der professionelle Historiker schon daran interessiert ist, auch hier die größtmögliche Genauigkeit zu erzielen, soweit es die Forschung eben zuläßt. Aber ob G.J. Caesar vor oder nach Beginn unserer Zeitrechnung gelebt hat, ob die Varusschlacht im Teutoburger Wald zu Caesars Zeit oder danach geschlagen wurde – das macht schon einen gewaltigen Unterscheid aus, wenn man den Einfluss auf das damals immerhin beherrschende Römische Reich betrachten will. Aber – wer will das schon? – so fragen Ketzer!

Eine Fremdsprache kann man nicht benutzen, wenn man nicht einen gewissen Wortschatz beherrscht, und der Austausch mit einer anderen Welt, mit anderen Menschen ist unmöglich ohne Vokabeln – und je mehr Vokabeln gekonnt und gekannt werden, desto reicher und Gewinn bringender wird der Austausch sein.

Geschichtskenntnisse, die gewissermassen wie eine eigene Sprache anzusehen sind, öffnen ihren Kennern den Zugang zu anderen Zeiten, verschaffen den Benutzern dieses Wissens Einblicke in versunkene Welten, in faszinierende Einzelheiten.

Das Bild mit der Varusschlacht passt hier gut hin – zeigt doch dieses Ereignis im Jahre 9 n. Chr., dass in Rom bereits der Abstieg von der Macht begonnen hatte, der Gegner Arminius – oder Hermann, der Cherusker – war ein von den Römern auf allen wichtigen Gebieten ausgebildeter (und vom römischen Staat geadelter) Germane, der sie buchstäblich mit ihren eigenen Waffen schlug: er wendete die Kriegslisten an, die er auf römischen Offiziersschulen beigebracht bekommen hatte.

Geschichtszahlen – und hier soll es um die Freude an der Geschichte gehen, nicht um ihre Quälerei – sind wichtig. Dass Karl der Große kein Zeitgenosse des Alten Fritz war, ist wichtig zum Verständnis von Zusammenhängen mit Völkerwanderungen, antiken Siedlungsströmen und Sprachentwicklungen in der Welt. Und wann etwas stattgefunden hat – je detaillierter ein Ereignis zu beschreiben ist, desto genauer haben Historiker daran geforscht und mit detektivischem Scharfsinn an der Aufklärung von Zusammenhängen gearbeitet.

Das Auswendiglernen von Geschichtszahlen kann nicht der Selbstzweck von geschichtlichem Grundwissen sein. Wer nur das gelernt hat, dem wurde leider das Interesse an geschichtlichen Abläufen gründlich ausgetrieben. Aber, wie eine Fremdsprache ohne Vokabelkenntnisse nicht laufen lernt, genau so wenig erschliesst sich das Verständnis um historische und daraus abgeleitete Zusammenhänge ohne eine zumindest ungefähre Kenntnis der Jahreszahlen.

Ein weiter Bogen sei hier gespannt: jeder Weltrekord wird mit höchster Präzision gemessen, das Guinness Buch der Rekorde verzeichnet alles genauestens, Patentanmeldungen werden auf die Minute genau vermerkt – es kann immerhin um viel Geld gehen…. – da sollte genau so aufgeschlossen mit den historischen Daten und Fakten umgegangen werden. Klar – man kann alles – fast alles – irgendwo nachschlagen, aber eine Unterhaltung in einer Fremdsprache, bei der ständig im Sprachführer nachgeblättert werden muss, ist mühsam. Dementsprechend ist das präsente Wissen um geschichtliche Zusammenhänge unentbehrliche Grundlage für eine interessierende und bereichernde Betrachtung der Welt – wenn sie mit offenen Augen geschehen soll.

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