Das klassische deutsche „Bildungsbürgertum“, bei dem eine große gesellschaftliche Gruppe, ja eigentlich die größte, nämlich die Arbeiterschaft, fast nicht teilgenommen hat, ist untergegangen, und es ist gut so – denn die Regeln dieses Bildungsbürgertums waren sehr häufig unredlich und oftmals nicht realistisch.
Nur zwei Aspekte sollen bedacht werden:
- der „Bildungsbürger“ von damals sprach häufig eine Fremdsprache – weil die Eltern das Geld hatten, die Nachkommen zum Sprachenstudium ins Ausland zu schicken
- der „Bildungsbürger“ von damals genoss häufig eine musikalische Ausbildung, spielte oftmals Klavier – weil die Eltern so begütert waren, dass sie in ihrem Haus oder in ihrer Wohnung ein Klavier aufstellen konnten
An dem ersten Punkt der Auflistung gibt es angesichts der Globalisierung, die unausweichlich ist, und bei der Deutschland sehr wesentlich profitiert, keinen Dissens: Fremdsprachen zu können – das ist ein Vorzug, den jeder bereits bei seinem Urlaub im Ausland als solchen empfindet – wenn man es denn kann.
Aber Musizieren? Wem nützt das?
Es nützt allen, die das Glück haben, sich darum bemühen zu können, weil und wenn sie ein wenig musikalisch sind. Es ist richtig, dass die Schulen in ihrem Standardunterricht weder Zeit noch die Fähigkeit haben, diesen Teil der allgemeinen Ausbildung so zu übernehmen, dass etwas Vernünftiges für alle dabei herauskommt. Die Benachteiligung aller musikalischer Kinder, deren Eltern weder Zeit noch Kenntnisse haben, den Kindern diese Ausbildung richtig zukommen zu lassen, ist ein schwerer Fehler in der deutschen Kulturpolitik. Hier muss der Staat aktiv werden, weil die Ausbildung einer größeren Gruppe der Bevölkerung auf einem so wichtigen Feld nicht länger vernachlässigt werden sollte und darf.
Ein Blick über die Grenzen in die Länder Asiens ist Grund genug, sich darüber Gedanken zu machen! Die Kinder der Japaner und Koreaner, die jungen Chinesen und Inder werden systematisch zum Musizieren gebracht, und es ist erstaunlich, deren Begeisterung über insbesondere Musik aus dem deutschsprachigen Raum festzustellen – bei Licht besehen war Wolfgang Amadeus Mozart ja beinahe ein Deutscher – sein Vater Leopold war schliesslich aus Augsburg…
Musizieren im Einzelstudium ist ein großartiges Mittel, die Eigeninitiative eines Menschen – egal ob jung oder alt – zu entwickeln, und das Musizieren im Orchester ist ein mindestens so wichtiges Unternehmen wie das Betreiben einer Mannschaftssportart – nur mit dem gewaltigen Unterschied, dass es mit Singen, Geigen oder Flöten in der Regel immer noch einigermassen klappt, auch wenn der Körper für sportliche Leistungen schon nicht mehr fit genug ist.
Musik: jung geübt und alt immer noch praktiziert – das ist eine tragfähige Brücke und eine starke Klammer für die gesamte Gesellschaft – für junge, alte, reiche und weniger reiche Bürgerinnen und Bürger. Ein Laien-Orchester, in dem jung und alt zusammen musizieren, macht Spass, gibt den Alten Gelegenheit, die zum Teil hervorragenden Leistungen junger Musikerinnen und Musiker kennenzulernen und anzuerkennen, es ermöglicht es den jungen Musikerinnen und Musikern, bei den Alten nicht alles „tatterig“ zu sehen, und es bringt eine nahezu völlig klassenlose Gesellschaft zusammen. Was wird gebraucht? Ein Probenraum, ein paar Noten, eine Dirigentin oder einen Dirigenten – wir haben genug junge Musiker oder Musikstudenten in Deutschland, die das gern täten und es gut können – und alles würde weniger Geld kosten als so manche Investition, von der niemand weiss, was je dabei herauskommt….
Und für wen ist das gut? Für irgendwelche Zuhörer? Keineswegs, der Auftritt vor Publikum ist gar nicht nötig! Es gibt den beteiligten Aktiven so viel Spass und seelischen Ausgleich, dass diese Tätigkeiten viel, sehr viel positive Wirkung in die Gesellschaft bringen.